Donbass

Ukraine-Krise

Russische Truppen im Donbass auf dem Vormarsch

Im Donbass im Osten der Ukraine rücken nach ukrainischen Angaben russische Truppen weiter in der strategisch wichtigen Stadt Sjewjerodonezk vor.

Der Gouverneur von Luhansk, Serhij Gajdaj, sprach am Montag von sehr heftigen Kämpfen mit starkem Beschuss, bei dem zwei Zivilisten getötet und fünf verletzt worden seien. "Leider haben wir enttäuschende Nachrichten, der Feind rückt in die Stadt ein", sagte Gajdaj im staatlichen Fernsehen.

Die Gas- und Wasserversorgung der Stadt mit normalerweise rund 100.000 Einwohnern sei unterbrochen. Sjewjerodonezk ist die größte Stadt im Donbass, die von der Ukraine noch gehalten wird.

Die russischen Truppen dringen in Sjewjerodonezk von den Außenbezirken weiter in der Stadt vor, wie Gouverneur Gajdaj erläuterte. Die Nachbarstadt Lyssytschansk sei weiter unter ukrainischer Kontrolle, sagte Gajdaj. Dort liefen Evakuierungen. Die Ukraine sei weiter in der Lage, beide Städte täglich mit humanitärer Hilfe zu versorgen. Die Hauptstraße zwischen den beiden Städten liege zwar unter Beschuss, sei aber nicht blockiert. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj berichtete, rund 90 Prozent der Gebäude von Sjewjerodonezk seien beschädigt, mehr als zwei Drittel der Wohnhäuser zerstört. "Sjewjerodonezk einzunehmen, ist die Hauptaufgabe der Besetzer", sagte Selenskyj in seiner nächtlichen Video-Ansprache. "Wir tun alles, was wir können, um den Vorstoß aufzuhalten."

In den vergangenen Tagen haben die russischen Streitkräfte im Osten der Ukraine immer wieder Erfolge vorweisen können. Für die ukrainischen Truppen wird die Lage dagegen immer schwieriger. Russlands Außenminister Sergej Lawrow nannte die Einnahme des Donbass eine "bedingungslose Priorität" für sein Land und sprach dabei von einer Befreiung. Russland erkenne die separatistischen Donbass-Regionen Donezk und Luhansk als unabhängige Staaten an, sagte Lawrow dem französischen Sender TF1 einer Meldung der Nachrichtenagentur RIA zufolge. Die anderen Teile der Ukraine sollten selbst über ihre Zukunft entscheiden.

Ein ukrainischer Soldat, der in der Nähe der Ortschaft Bachmut in der Region Donezk kämpft, äußerte im Gespräch mit Reuters TV die Befürchtung, dass seine Regierung zu schnell aufgeben könnte. "Wissen Sie, wovor ich am meisten Angst habe, jetzt wo die Kämpfe so intensiv sind?" fragte der Mann, der seinen Namen mit Dmytro angab und vor dem Krieg Englisch-Lehrer war. "Dass wir gesagt bekommen: Das war's, hört auf, wir haben einen Waffenstillstand." Dies würde nur dazu führen, dass die Ukraine Teile ihres Territoriums abgeben müsste. "Eine Verhandlungslösung kann es nur nach ukrainischen Vorgaben geben, aber wenn es jetzt passierte, wäre es der Horror", sagte er.

Allerdings hat Russland im Krieg in der Ukraine nach britischen Angaben offenbar große Verluste bei den mittleren und unteren Offiziersrängen erlitten. Dies könnte die militärische Effektivität der russischen Streitkräfte schwächen, erklärt das britische Verteidigungsministerium auf Basis eines Geheimdienst-Berichts. Brigade- und Bataillonskommandeure seien wahrscheinlich in den gefährlichsten Positionen eingesetzt worden. Zugleich hätten untergeordnete Offiziere taktische Einsätze auf niedriger Ebene leiten müssen. "Angesichts mehrerer glaubwürdiger Berichte über lokale Meutereien unter den russischen Streitkräften in der Ukraine wird der Mangel an erfahrenen und zuverlässigen Zug- und Kompaniekommandeuren wahrscheinlich zu einem weiteren Rückgang der Moral und anhaltend schlechter Disziplin führen", hieß es.

An der Grenze zwischen den Gebieten Mykolajiw und Cherson im Süden der Ukraine setzte das ukrainische Militär unterdessen nach eigenen Angaben in der Nacht auf Montag seine Offensive fort. Die Lage sei "dynamisch und gespannt", teilte das Oberkommando des Wehrkreises Süd mit. Russland ziehe Reserven zusammen und versuche, die Frontlinien im Gebiet Cherson zu befestigen. Zugleich versuchten ukrainische Einheiten, "den Feind zu binden und eine Umgruppierung der Reserven zu verhindern."

Eigenen Angaben nach hat das ukrainische Militär bei den Kämpfen in den letzten 24 Stunden 67 russische Soldaten getötet und 27 Militärfahrzeuge außer Gefecht gesetzt. Darunter auch sechs - allerdings stark veraltete Panzer - vom Typ T-62. Unabhängig lassen sich diese Angaben nicht überprüfen.

Kiew hatte die Angriffe im Süden des Landes am Wochenende auch als Gegenoffensive zum russischen Vormarsch im Donbass gestartet. Die Militärexperten des US-Kriegsforschungsinstituts Institute for the Study of War (ISW) bewerteten die Angriffe als "erfolgreiche begrenzte Gegenattacke". Diese habe die Russen in der Region dazu gezwungen, zur Verteidigung überzugehen und störe den Versuch Moskaus, die Kontrolle über die Schwarzmeerregion Cherson zu etablieren.

Russische Streitkräfte griffen unterdessen nach eigenen Angaben eine Schiffswerft in der südukrainischen Stadt Mykolajiw an. Ein Hangar in der Okean-Werft sei von Artillerie-Beschuss getroffen worden, teilt das Verteidigungsministerium in Moskau mit. Dabei sollen Fahrzeuge und Ausrüstung zerstört worden sein. Von ukrainischer Seite lag zunächst keine Stellungnahme vor. Mykolajiw liegt 100 Kilometer östlich von Odessa am Schwarzen Meer.

Bei einem Sprengstoffanschlag in der von russischen Truppen besetzten Stadt Melitopol im Süden der Ukraine wurden mindestens drei Menschen verletzt. "Heute um 7.40 Uhr hat es eine mächtige Explosion direkt im Stadtzentrum gegeben", schrieb der Chef der russischen Militärverwaltung, Wladimir Rogow, in seinem Telegram-Kanal. Rogow sprach von einem Terroranschlag.

Den Berichten nach soll eine unter einem geparkten Fahrzeug angebrachte Bombe am Platz des Sieges detoniert sein. An dem Platz liegt auch das von den Russen besetzte Verwaltungsgebäude. Der Sprengsatz habe Freiwillige verletzt, die russische Hilfslieferungen an die Bevölkerung ausgeladen hätten, berichteten russische Medien.

Melitopol gehört zur Region Saporischschja im Süden der Ukraine und dient den Russen als Verwaltungszentrum, da die Gebietshauptstadt selbst noch unter Kontrolle Kiews steht. In der Region wurden in den vergangenen Wochen schon verstärkte Partisanenaktivitäten der Ukrainer gemeldet - mit Anschlägen auf Infrastruktur, russische Soldaten, aber auch Kollaborateure, die mit den russischen Besatzern zusammenarbeiten.