Affären

Van der Bellen: So viele Krisen wie noch kein Präsident

"Ma, wird des fad", hat ein Cartoonist zu Beginn von Alexander Van der Bellens erste Amtszeit gewitzelt. Es kam aber völlig anders.

Als Alexander Van der Bellen im Dezember des Jahres 2016 im zweiten Anlauf seinen Kontrahenten Norbert Hofer endgültig hinter sich ließ, dachten viele, das anstrengendste sei für den vormaligen Grünen-Bundessprecher nun vorbei. Doch die dem aufregenden Wahlkampf folgende erste Amtszeit in der Hofburg sollte das bis dahin geschehene toppen. Ibiza, Kanzler-Wechsel, Corona und zuletzt der Krieg in der Ukraine. Dennoch will Van der Bellen sechs Jahre weiter machen.

Vier Parlamentsparteien verzichten auf eine Gegenkandidatur 

 Dass der 78-Jährige seine Aufgabe wohl nicht so schlecht bewältigt hat, lässt sich schon daraus ablesen, dass gleich vier der fünf Parlamentsparteien auf eine Gegenkandidatur verzichten dürften. Einzig die FPÖ will eine Hofburg-Anwärterin ins Rennen schicken, allerdings sind offenbar auch dort die Hoffnungen eher gering, verzichtet doch Hofer nach eigenen Angaben, weil er sich bei der nächsten Runde in sechs Jahren bessere Chancen ausrechnet.

   So sehr Corona und die russische Aggression in der Ukraine Österreichs Politik forderten, Van der Bellen selbst hatte am meisten mit innenpolitischen Turbulenzen anderer Art zu tun. Die Ibiza-Affäre mit all ihren Folgen machte das Staatsoberhaupt zum obersten Krisenmanager, eine Rolle, die er mit der ihm eigenen Gelassenheit bewältigte. Mit Hinweisen auf die Schönheit der Verfassung, einem markanten Zitat ("so sind wir nicht") und konsequentem Handeln schaffte er es, die damals nicht gerade wenigen Klippen zu umschiffen und mit der Ernennung der ersten weiblichen Regierungsspitze in Person von Brigitte Bierlein ein gesellschaftspolitisches Zeichen zu setzen.

   Auch wenn die FPÖ aus naheliegenden Gründen Van der Bellen immer wieder ins Visier nimmt, vermied der frühere Parteipolitiker, der er im klassischen Sinne ohnehin nie war, sich politisch vereinnahmen zu lassen. Der Präsident gab sich etwa bei der Angelobung von Türkis-Blau keine Blöße und zelebrierte die mit der selben manchmal etwas zerstreut wirkenden Freundlichkeit wie all jene danach. Für österreichische Verhältnisse doch ungewohnt lernte der Präsident in seiner Amtszeit bisher nicht weniger als vier Kanzler plus der von ihm selbst auserkorenen Regierungschefin Bierlein kennen.

   Ein unbedingt volkstümliches Staatsoberhaupt war Van der Bellen nicht unbedingt, was in Corona-Zeiten ja auch nicht einfach gewesen wäre. Eine private Seite zu sehen bekamen aber all jene, die mittags über den Heldenplatz schlenderten. Denn auch als Bundespräsident ließ es sich Van der Bellen nicht nehmen, seine Hündin Kita auszuführen.

   Dass er dereinst seine Zentrale in der Präsidentschaftskanzlei wird aufschlagen können, war ihm nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Russisch bzw. Estnischer Abstammung waren seine Eltern während des Zweiten Weltkriegs nach Wien gekommen, wo Van der Bellen geboren wurde. Später wanderte die Familie ins Tiroler Kaunertal aus, das man wohl als des Bundespräsidenten Heimat bezeichnen kann - ein Begriff, den er übrigens für einen Grünen damals überraschend ins Zentrum seine Hofburg-Kampagne stellte.

   Erst seit 1958 ist Van der Bellen österreichischer Staatsbürger, sein Bildungsweg führte nach der Matura in Innsbruck zu einem Volkswirtschaftsstudium, das er mit dem Doktorat abschloss. Lehrtätigkeiten folgten an den Unis Wien und Innsbruck.

   Dass gerade der oft marktschreierische Peter Pilz den bedächtigen Professor, der einst der SPÖ angehörte, in die Politik holte, ist durchaus eine Pointe. Nach einer gescheiterten Kandidatur für das Amt des Rechnungshof-Präsidenten zog Van der Bellen 1994 in den Nationalrat ein, dem er dann auch bis 2012 angehört. Rasch wurde er zum ruhigen Star der Partei und 1997 zu deren Chef. Die Amtszeit war großteils von Wahlerfolgen geprägt und dauerte für Grüne Verhältnisse damals fast unglaubliche elf Jahre. Van der Bellens größte Enttäuschung in der Ära war das Platzen der schwarz-grünen Regierungsgespräche mit Wolfgang Schüssel (ÖVP).

   Als Van der Bellens Karriere in den 2010er-Jahren mit einem Mandat im Wiener Landtag und seinem eher belächelten Job als Universitätsbeauftragter der Stadt dem Ende zuzugleiten schien, eröffnete sich mit der Hofburg-Wahl 2016 plötzlich ein "Window of Opportunity". Mit einem cleveren Wahlkampf schaffte es Van der Bellen in die Stichwahl, die zu einem epische Duell mit Hofer inklusive Wahl-Wiederholung wurde. Dass es bei Kandidatur zwei noch einmal so emotional wird, dass der heutige Bundespräsident vor laufenden TV-Kameras einem Kontrahenten den Scheibenwischer zeigt, kann wohl ausgeschlossen werden.

   Freilich einen Patzer leistete sich auch das Staatsoberhaupt, als der Vater von zwei Söhnen mit seiner zweiten Frau Doris Schmidauer die Corona-Sperrstunde in einem Schanigarten ordentlich überzog. Die Aufregung darüber war erstaunlich gering. Einem Van der Bellen verzeiht man offenbar so manches gerne.

   Zur Person:

   Alexander Van der Bellen, geboren am 18. Jänner 1944 in Wien als Sohn einer estnischen Mutter und eines russischen Vaters. Aufgewachsen im Tiroler Kaunertal. Studierte Volkswirtschaft und unterrichtete als Uni-Professor sowohl in der Tiroler Hauptstadt als auch in Wien. Aus seiner ersten, im Herbst 2015 geschiedenen Ehe hat er zwei Söhne. In zweiter Ehe mit Doris Schmidauer verheiratet